
, Interview
„Das wird über den Wohlstand im 21. Jahrhundert entscheiden“
Digitalminister Karsten Wildberger spricht im Interview mit web.de über europäische Souveränität, den KI-Standort Deutschland und die Fliehkräfte in der schwarz-roten Koalition.
Erst vor wenigen Wochen ist Karsten Wildberger mit seinem Ministerium in ein neues Gebäude an der Berliner Friedrichstraße gezogen. Von Umzugsstress ist aber nichts mehr zu spüren: Wildbergers Büro wirkt schon fast fertig eingerichtet.
Schnelligkeit ist ihm ohnehin wichtig: Vor einem Jahr war der 56-Jährige noch Manager. Jetzt soll er als Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung bei genau diesen Themen für Tempo sorgen. Wenn es nach Wildberger geht, soll Deutschland bald digitalisiert, vieles per Knopfdruck möglich sein. Allerdings: Digitalisierung ist auf Rechenzentren angewiesen. Und die stehen bisher noch vor allem außerhalb Europas.
Herr Wildberger, können uns Rechenzentren in die Abhängigkeit treiben?
Karsten Wildberger: Nicht, wenn wir es richtig machen. Wir müssen die Rechenzentren in unser Land holen – und sie auch zunehmend selbst betreiben.
Wie soll das klappen?
Wir sind schon heute die Nummer eins in Europa. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir haben einen großen Abstand zu den USA und vor allem zu China. Wir werden die Rechenkapazität bis 2030 verdoppeln. Auch im Bereich der Rechenzentren, die besonders intensive Leistungen erbringen: etwa jene, die für Künstliche Intelligenz gebraucht werden. Die Kapazitäten wollen wir sogar vervierfachen.
Sie sagen selbst: International hinken wir in dem Bereich hinterher. Warum wurde hier in den vergangenen Jahren so wenig gemacht?
Wir müssen uns hier ehrlich machen: Wir haben in diesem Land viele Entwicklungen in den vergangenen 20 Jahren nicht mit dem Nachdruck vorangetrieben, wie es uns als drittgrößter Volkswirtschaft gut zu Gesicht gestanden hätte. Aber wir geben jetzt Gas. Dazu gehört, dass wir die erste Regierung sind, die das Thema Rechenzentren strategisch angeht. Das wird über den Wohlstand im 21. Jahrhundert entscheiden. Wir sollten uns nicht aufhalten und zu lange in den Rückspiegel gucken, sondern die Dinge jetzt anders machen.
Intensive Leistungen benötigen auch viel Energie. Kann Ihre Rechenzentrum-Strategie klimafreundlich sein?
Jeder Rechenzentrumsbetreiber schaut schon heute, wo es Zugang zu grüner und nachhaltiger Energie gibt. Rechenzentren sind extrem energiehungrig und deshalb ist es wichtig, möglichst energieeffizient zu arbeiten. Wenn ich so viel Energie einsetze, muss ich sicherstellen, dass sie auch wirklich in die Rechenleistung geht.
Lässt sich die Standortsuche kombinieren mit Regionen, die sich durch den Kohleausstieg ohnehin in einem Transformationsprozess befinden?
Absolut. Viele der Standorte entstehen dort, wo früher Kraftwerke standen. Denn dort gibt es die entsprechenden Netzanschlüsse. Die sind ein wichtiger Faktor, damit das Rechenzentrum überhaupt die Netzleistung abbekommt, die es braucht. Das ist beispielsweise im Rheinischen Revier der Fall, aber auch in Brandenburg. Lübbenau ist ein früherer Kraftwerkstandort, wo jetzt eines der größten Projekte in Europa geplant wird.
In der öffentlichen Debatte klingt es oft nicht danach, als seien die erneuerbaren Energien ein Standortvorteil. Vielmehr wird immer wieder der Ruf nach der Rückkehr zur Atomkraft laut.
Diese Menschen, die die Sinnhaftigkeit der Energiewende anzweifeln, möchte ich gerne fragen: Habt ihr Physik gehabt? Will mir wirklich jemand erklären, dass das nicht die günstigste Form der Energieerzeugung ist? Zur Wahrheit gehört aber auch: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, bringen uns die Erneuerbaren nichts. Wir brauchen einen Mix. Deswegen ist die Strategie von Ministerin Katherina Reiche, auch auf Kernfusion und Gas zu setzen, genau richtig. Wir werden im Mittel trotzdem immer nachhaltiger.
Rechenzentren brauchen nicht nur Energie, sondern auch sehr viel Wasser. Schon jetzt gibt es Grundwasserstress, etwa in großen Teilen Brandenburgs.
Wasser ist ein Thema. Moderne Rechenzentren nutzen einen geschlossenen Wasserkreislauf. Das heißt: Sie entnehmen nicht permanent Wasser, sondern füllen ihren Speicher einmal auf und verwenden das Wasser dann über einen längeren Zeitraum.
Sie haben das Ziel ausgegeben: Bis 2030 sollen zehn Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung KI-basiert erwirtschaftet werden. Ist das realistisch?
Wir sind viel weiter, als wir denken. In der Industrie gibt es schon heute ein großes Maß an Automatisierung. Es ist jetzt schon eine Überlebensfrage, diese Technik anzuwenden. Die zehn Prozent klingen erst einmal nach einer großen Zahl, wir brauchen aber tatsächlich noch viel mehr. Die Zukunft von Unternehmen wird sich daran entscheiden, wie schnell es ihnen gelingt, modernste Technik in etablierte Prozesse einzubinden. Dadurch können sie, vereinfacht gesagt, in der gleichen Zeit mit deutlich weniger Ressourcen mehr Probleme angehen. Das ist Wachstum. Darum geht es.
Wie kann Deutschland als KI-Standort ein ernstzunehmender internationaler Player bleiben?
In den vergangenen Jahren ist schon viel passiert. Wir haben eine große Anzahl an Start-ups und auch sogenannte Unicorns, die durch KI getrieben sind. Wir haben in diesem Bereich unheimlich dazugewonnen. Auch die industrielle KI dürfen wir nicht unterschätzen. Die Hannover Messe, Deutschlands wichtigste Industrieschau, hat gerade erst wieder gezeigt, was deutsche Unternehmen alles leisten. Statt über mehrere Tage wurden dort Roboter mittels KI in wenigen Minuten programmiert. Dazu brauchen Sie Industrieexpertise – und die haben unsere Unternehmen auf Weltniveau. Uns würde es gut zu Gesicht stehen, wenn wir die Dinge mit ein bisschen mehr Zuversicht angehen würden.
Das klingt sehr positiv. Sonst heißt es oft, die Deutschen seien zu faul und müssten mehr arbeiten, die Bildung sei zu schlecht.
Ich glaube nicht, dass das irgendjemand wirklich so meint. Natürlich haben wir viele sehr hart arbeitende Menschen. Ich bin auch nicht der Typ, der sagt: Diese oder jene Generation ist faul. Was ist das für eine Mentalität? Ich habe in meinem gesamten Berufsleben gesehen, was junge Menschen draufhaben. Es ist ganz normal, dass sie sich ein bisschen anders entwickeln als ihre Vorgänger.
Wie blicken Sie auf Ihr erstes Jahr im Amt zurück?
Worauf ich sehr stolz bin, ist meine ganze Mannschaft hier im Ministerium. Bei der Staatsmodernisierung haben wir mit den Bundesländern außerdem einen verbrieften Arbeitsplan verhandelt, wie wir das Land entbürokratisieren wollen. Das müssen wir nun abarbeiten, auch wenn ich wünschte, das würde per Knopfdruck funktionieren. Was uns außerdem voranbringen wird: die Digitalisierung der Verwaltung. Dadurch wird vieles beschleunigt werden. Bei der digitalen Souveränität kommen wir auch jenseits der Rechenzentren voran – gerade erst haben wir unsere Partnerschaft mit Kanada vertieft. Mit Cohere und Aleph Alpha fusionieren zwei führende KI-Unternehmen beider Länder. Da entsteht eine interessante Alternative auch für den Staat als Auftraggeber von IT-Diensten.
Sie kommen aus der Wirtschaft. Haben Sie sich das Ministerdasein so vorgestellt?
Ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon. Aber die Rolle als Minister ist etwas völlig anderes als das, was ich zuvor gemacht habe. Natürlich hat sie auch eine ganz andere Relevanz. Das empfinde ich als große Ehre. Allerdings habe ich noch nie etwas gemacht, von dem ich eine konkrete Vorstellung hatte, wie es sein wird. Ich bin immer offen, Neues zu lernen und alles so zu nehmen, wie es kommt. Das hat den Vorteil, dass man seltener enttäuscht wird.
Wie bewerten Sie mit dieser Brille die Arbeit der Koalition?
Ich bin jetzt Politiker und arbeite in einem Team. Da stehe ich nicht an der Seite und vergebe Haltungsnoten. Ich sehe aber die Sorgen der Menschen und wahr ist: Wir sind noch zu langsam. Das hat auch damit zu tun, dass wir über Jahrzehnte Zuständigkeiten über alle Verwaltungsbereiche hinweg verteilt haben. Aber das gehen wir jetzt an.
Sie sind auch Physiker. Wie oft haben Sie schon die Fliehkräfte der Koalition berechnet?
Wir haben den Schwerpunkt sicher ausgestaltet. Der liegt sehr stabil. Eine Erkenntnis nach elf Monaten im Amt ist für mich aber auch: Es geht nicht nur um diese Legislatur. Es geht darum, dass es uns gelingt, dieses Land stabil zu halten, mit allem, was es auszeichnet. Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie. Es wird zunehmend schwieriger, Mehrheiten in der Mitte zu finden. Deshalb ist es essenziell, dass wir in dieser Koalition gut zusammenarbeiten. Das, was ich tagtäglich erlebe, ist nicht das Land, in dem ich leben möchte.
Was meinen Sie?
Die Rechtspopulisten sind keine Alternative für unser Land. Sie bedienen Ängste mithilfe von verfänglichen Aussagen. Ich kann nur davor warnen. Solche Parteien weisen nicht im Ansatz Wirtschaftskompetenz auf. Was wir brauchen, sind echte Lösungen und keine plumpen Parolen.
Müsste in den Ministerien unternehmerischer gedacht werden?
Die Politik ist kein Unternehmen. Sie hat die Aufgabe, alle Menschen zu vertreten. Und in einer Demokratie gehört dazu, dass nicht jeder dieselbe Meinung hat, dass auch mal diskutiert wird. Wir müssen dafür kämpfen, dass sich unsere Geschichte nicht wiederholt. Was man von Unternehmen allerdings lernen kann, ist der Umsetzungsprozess: Wie bekommen wir Dinge schnell auf die Straße? Dazu brauchen wir eine klare Verantwortungsstruktur – gesunder Menschenverstand könnte helfen.
Sie wollen, dass die Ministerien auch bei sich selbst aufräumen und digitaler werden. Sind Sie gern die Nervensäge?
Wenn es gefragt ist, nerve ich gerne. Allerdings überzeugt man damit allein niemanden von den eigenen Positionen. Die Ministerien haben meiner Ansicht nach eine hohe Eigeninitiative in Sachen Digitalisierung. Mein Haus wird in Reformen häufig direkt einbezogen, um die Digitalisierung gleich mitzudenken. Jetzt geht es darum, gemeinsame, übergreifende Lösungen zu schaffen, die auch breit angewendet werden.
Vergangenes Jahr haben Sie eine Modernisierungsagenda vorgelegt. Laut einer aktuellen Umfrage sieht die Mehrheit in Deutschland keinen Fortschritt beim Bürokratieabbau.
Wir haben schon einiges auf den Weg gebracht. Aber ich teile die Einschätzung, dass wir noch mehr machen können und unsere Erfolge noch zu wenig spürbar sind. Bis sich Änderungen im System verfestigen, braucht es leider seine Zeit. Bei all der Grundskepsis müssen wir in unserem Land aber auch mal wieder zur Selbstachtung zurückfinden. Wir tun oft so, als ob wir nichts können. Das ist doch Wahnsinn.
Man muss aber auch selbstkritisch sein können. Die CDU war auch vor Schwarz-Rot schon mal lange in Regierungsverantwortung. Müssen Sie gerade den Versäumnissen Ihrer eigenen Partei hinterherräumen?
Ich kann Selbstachtung haben und selbstkritisch zugleich sein. Zur Vergangenheit: Klar, es ist nicht alles gut gelaufen. Aber das ist in der Rückschau immer einfach zu sagen. Außerdem leben wir nicht in einer Planwirtschaft. Damit nehme ich die Politik nicht aus der Verantwortung, aber Innovation muss auch von unten kommen. Vielleicht haben wir in der Vergangenheit zu wenig Raum für diese Innovation gegeben.
Sie sagten, Sie schauen nicht so gern in die Vergangenheit. Also jetzt ein Blick in die Zukunft: Was ist Ihre Vision für ein digitales Deutschland?
Ich wünsche mir, dass alle Prozesse, die viel Zeit kosten, wie etwa eine Kontoeröffnung, schnell und einfach auf dem Smartphone machbar sind. Dass Dinge einfach funktionieren, und zwar digital. Und das am besten in einer digitalen und souveränen Infrastruktur. Ich will, dass wir nicht einfach nur digital werden, sondern ein eigenes Ökosystem bauen. Deutschland soll das Land der Software-Ingenieure sein mit Geschäftsmodellen, auf die wir echt stolz sind, weil wir Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand sichern. Darauf könnten wir echt stolz sein.
Das Interview führten Laura Czypull und Rebecca Sawicki.
Es ist am 30.04.2026 erschienen.
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