Zum Inhalt springen
Offizielle Website – Bundesrepublik Deutschland

, Interview

“Mit erhobenem Zeigefinger erklären, warum KI wunderbar ist, funktioniert nicht”

Ein junges Digitalministerium und eine Agenda, die von Mobilfunk an Bahnstrecken bis zu KI-Förderung reicht: Im Gespräch mit den t3n-Chefredakteuren spricht Digitalminister Karsten Wildberger über den Zustand der deutschen Digitalisierung, KI in der Verwaltung und seine Vision einer digitalen Brieftasche.

Herr Wildberger, Sie sind jetzt zehn Monate Digitalminister – in einem neu geschaffenen Ressort, das viele lange herbeigesehnt haben. Wie fühlt sich das an?

Es fühlt sich aktuell deutlich positiver an, als ich es mir am Anfang gedacht hätte. Das Energielevel ist jedenfalls deutlich gestiegen – das war zwar schon am Anfang hoch, aber jetzt nochmal mehr.

Wie meinen Sie das genau?

Was mich wirklich begeistert, ist, dass wir Themen auf den Weg gebracht haben, die wir über die Zeit skalieren können. Gleichzeitig ist man natürlich getrieben, weil in der Situation, in der wir uns befinden, alles noch schneller gehen muss. Die Dringlichkeit ist extrem hoch. In diesem Spannungsfeld bewege ich mich.

Andere Ministerien haben ja auch dringende Projekte. Inwiefern ist das ein Unterschied?

Bei Digitalisierung hat jeder immer gute Ratschläge. In anderen Politikfeldern ist es ja so: Wenn wir Gesetze beispielsweise beim Grenzschutz machen, dann gibt es eine Infrastruktur und zuständige Behörden wie die Bundespolizei, die das am nächsten Tag umsetzen. Wenn Sie aber ein Gesetz zur Digitalisierung machen wollen, stellen Sie fest: Es ist kein zentraler „Umsetzungsmuskel” vorhanden, der Bund kann hier nicht allein durchregieren, weil Kompetenzen vielfach bei Ländern und Kommunen liegen. Wir müssen also viele berechtigte Forderungen erfüllen und den Muskel dafür parallel weiter aufbauen und trainieren. Ich bin überzeugt, dass wir mit vier bis fünf Durchbruchsprojekten Strukturen schaffen, die uns in Zukunft helfen, einfacher umzusetzen.

Dann lassen Sie uns darüber reden, ob der Umsetzungsmuskel im Bereich der digitalen Infrastruktur schon wirkt. Sie haben mal gesagt: „Highspeed-Internet in der Bahn darf nicht Zukunftsmusik sein.“ Auf meiner Fahrt von Düsseldorf nach Berlin hatte ich von viereinhalb Stunden maximal zwei mit Netz. Wann wird sich das ändern?

Wir beschleunigen weiter den Ausbau, der jetzt im überragenden öffentlichen Interesse liegt und schneller geplant und genehmigt werden kann. Wir adressieren das wichtige Kupfer-Glas-Migrationsthema. Wir sorgen dafür, dass Glasfaser nicht am Gully liegen bleibt, sondern in die Häuser kommt – und wenn wir in den Häusern drin sind, auch hinter die Türen. Und wir verbessern den Datenaustausch mit den Unternehmen, damit wir Projekte besser steuern können, ohne Vertraulichkeiten zu verletzen.

Und 5G am Gleis?

Beim Ausbau von 5G entlang der Gleise stehen wir vor zwei zentralen Herausforderungen. Erstens ist die technologische Umsetzung komplexer als erwartet: Zwar gibt es Lösungen, mit denen mehrere Mobilfunkanbieter über eine einzige Antenne die Bahnstrecken versorgen könnten, doch sowohl technische Hürden als auch notwendige Abstimmungsprozesse zwischen den Anbietern bremsen den Fortschritt. Zweitens ist der infrastrukturelle Aufwand erheblich. Die Bahn betreibt eigene Masten für den Bahnfunk, sodass die Integration der Systemtechnik der Mobilfunkanbieter auf diesen Masten besser koordiniert werden muss. Gleichzeitig ist der Aufbau zusätzlicher Masten im Abstand von ein bis zwei Kilometern sehr aufwendig, weshalb wir auch alternative Möglichkeiten prüfen. Entscheidend wird sein, dass alle Beteiligten die Dringlichkeit des Projekts noch stärker erkennen und entsprechend handeln.

Gleichzeitig kümmern sie sich um die Digitalisierung der Verwaltung – ihr Ministerium trägt den Begriff „Staatsmodernisierung“ im Namen. Kürzlich haben Sie dieses Unterfangen als „Megabrett“ bezeichnet. Was genau macht es so schwer?

Das Problem ist, dass wir völlig dezentral Insellösungen gebaut haben, die nicht anschlussfähig sind und nicht Ende-zu-Ende funktionieren. Auch das Onlinezugangsgesetz deckt ja nur die Antragsstrecke ab – das Frontend. Im Backend sind die Daten dezentral gespeichert, nicht orchestrierbar, nicht austauschbar, und viele Register sind nicht einmal digitalisiert. Das sind denkbar schwierige Voraussetzungen.

Wie können wir uns denn aus einem solchen Flickenteppich befreien?

Im IT-Planungsrat haben wir verbindliche Standards definiert. Das heißt: Wir werden in Zukunft einheitlich und anschlussfähig bauen, nach gemeinsamen Interfaces und Standards. Bestimmte Komponenten werden zur Nachnutzung vereinbart. Das ist eine ganz wichtige Botschaft.

Was heißt Nachnutzung konkret? Entwickelt am Ende niemand mehr gesondert?

So könnte ein Endzustand aussehen, aber der Übergangspfad hat viele Farben. Ein Beispiel: Unsere Infrastrukturlösungen haben wir für bestimmte Projekte gebaut. Hamburg ist schon angeschlossen, Nordrhein-Westfalen ist das nächste Bundesland. Sie nutzen unsere zentral gebaute Lösung – heute noch mit eigenem Frontend, das ans zentrale Backend angeschlossen wird. Langfristig sollte es möglichst vereinheitlicht werden. Das spart enorm viel Geld, ist kundenfreundlicher und besser für die Sicherheit.

Was sind die konkreten Bausteine?

Wir haben vier große Themen. Erstens der Tech-Stack, der sich komplett gewandelt hat – Er hat drei Elemente: die Standards, die wir definiert haben; die Cloud-Infrastruktur des Bundes, die wir auch für Länder und Kommunen öffnen wollen; und den Applikations-Layer. Für die Cloud-Infrastruktur haben wir eine große Ausschreibung laufen, mit komplett veränderten Kriterien.

Zweitens arbeiten wir mit Hochdruck daran, Fachverfahren und Genehmigungsverfahren mit agentischer KI zu automatisieren. Infrastruktur-Genehmigungsverfahren, die sehr komplex sind, automatisieren wir mit einer agentischen KI-Lösung. Bei einzelnen Prozesselementen erreichen wir 80 bis 85 Prozent Arbeitsreduktion. Dafür haben wir übrigens einen internationalen Preis für die beste KI in der Verwaltung bekommen. Das Entscheidende: Diese Agenten kann man für andere Lösungen umbauen. Die agentische KI-Lösung wird auf dem Applikations-Layer zur Nachnutzung angeboten.

Drittens entwickeln wir gerade eine Bürger-App. Die kann im Testbetrieb heute schon Folgendes: Sie geben zum Beispiel „Castrop-Rauxel“ ein, weil sie sich ummelden wollen. Über einen Crawler wird das Anmeldeformular besorgt, eine agentische KI erklärt Ihnen, welche Dokumente Sie lokal brauchen, hilft beim Ausfüllen und beim Abschicken. Wir haben jetzt acht Kommunen, die wir im Test anschließen.

Viertens die digitale Identität. Die Dokumente darin werden mit den Dokumenten synchronisiert, die Sie für einen Antrag brauchen. Alle diese Bausteine sind so angelegt, dass sie skalierungsfähig und nachnutzbar sind. Sie waren als Einzelprojekte gestartet, aber sie haben Schnittstellen – und da wird ein Schuh draus.

Die digitale Brieftasche soll ja bereits am 2. Januar 2027 an den Start gehen. Wie verhindern Sie, dass das die nächste E-Patientenakte wird? Viel Ablehnung, zu kompliziert, Mehrwert unklar.

Der Wert einer Wallet ist nicht die Wallet an sich – er muss in den Anwendungsfällen liegen. Deshalb haben wir aktuell 120 Unternehmen am Start, die auf Basis unserer Sandbox-Technologie Lösungen bauen. Altersverifikation im Supermarkt an der Kasse, im Netz, Authentifizierung bei der Bank statt TAN-Verfahren, den Führerschein digital vorzeigen. Das Leben wird einfacher, wenn man nur eine Wallet braucht. Eine gute Usability ist dabei besonders wichtig. Beim Ausweis haben wir das Problem mit der PIN – viele wissen die nicht mehr oder haben sie verlegt. Da werden wir den PIN-Rücksetzdienst vorbereitend einsetzen. Dann kann auch wirklich jeder die Wallet vom Start an nutzen.

Welche Länder sind Vorbilder für Sie bei der Entwicklung der Wallet?

Portugal ist bei der Wallet sehr weit – die haben die Hälfte der Bevölkerung in der Nutzung, sehr ähnlich zur EUDI-Wallet gebaut. Estland ist natürlich weit vorne. Ein Feature, das wir von Estland übernehmen, ist Transparenz. Die Bürgerinnen und Bürger sollen nachprüfen können, wo und wann Transaktionen mit ihrer Wallet stattgefunden haben – mit Datum und Absender. Übrigens: Bei der agentischen KI-Lösung kommen Länder auf uns zu und sagen: Das haben wir noch nicht, das wollen wir auch. Auch wir können Vorbild sein.

Digitale Dienstleistungen, Infrastruktur, Daten: Im Kontext geopolitischer Entwicklungen wird digitale Souveränität ein entscheidender Faktor. Was heißt für Sie digitale Souveränität?

Digitale Souveränität hat eine defensive und eine offensive Seite. Die offensive treibt mich seit Jahren um: Technologie mit Begeisterung ernst nehmen, um Wachstum voranzutreiben. Software, Cloud, Plattformgeschäfte, jetzt KI – wir haben an diesen Wachstumswellen kaum teilgenommen, waren zu viel Kunde und zu wenig Entwickler. Die defensive Seite ist superdringend, weil technologische Fähigkeiten geopolitisch gegen uns eingesetzt werden können. Deshalb brauchen wir Wahlmöglichkeiten.

Es gibt ja Souveränitätspuristen, die sagen: Alles muss aus Europa kommen. Sie sehen das differenzierter. Inwiefern?

Ich will jedenfalls nicht in einer Welt leben, in der wir nicht mehr Handel treiben und nicht mit Partnern zusammenarbeiten. Isolierte Einzelstaatenpolitik halte ich für eine Katastrophe. Gleichzeitig zerbröselt die internationale Ordnung. Wir müssen zweigleisig fahren, weil wir bestimmte Rohstoffe und bestimmte Chips nicht haben.

Andererseits sehen wir: Was Unternehmen heute mit Microsoft oder AWS machen, das wäre vor fünf Jahren gar nicht möglich gewesen. Wenn ein deutsches Unternehmen zum Beispiel die Infrastruktur betreibt, mit deutschem Personal, wenn wir eigene Software zur Steuerung entwickeln, die Verschlüsselung in der Hand haben, Daten nicht abfließen können, auch der Gerichtsstand deutsch ist und der Data Act greift – dann betrachte ich das positiv als Technologierücktransfer.

Über den Cloud Act in den USA wäre es aber dennoch möglich, Daten abzugreifen. Deshalb konkret gefragt: Wie sollte sich ein Unternehmen in Zukunft digital souverän aufstellen?

Es gibt zwei Seiten dazu. Unternehmen, die heute Cloud-Services nutzen, bei denen die Daten in den USA gehostet sind – wenn diese Unternehmen die Möglichkeit haben, ihre Daten in Deutschland zu hosten, ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung getan.

Es gibt aber auch Möglichkeiten, dass bestimmte Hyperscaler mit deutschen Unternehmen eng zusammenarbeiten, etwa deutsche Tochterfirmen, die die Infrastruktur kaufen und dann eigenständig betreiben. Das kann man immer noch hinterfragen, aber es ist trotzdem ein deutlicher Schritt nach vorne hin zu mehr Souveränität.

Und was ist mit der Förderung hiesiger Anbieter?

Wir als Staat setzen jetzt viel stärker darauf, unsere eigenen Unternehmen zu stärken. Denn wir haben die Kompetenzen auch bei uns im Land. SchwarzDigits, Telekom, Ionos – um nur drei zu nennen. Wir können als Ankerkunde helfen und setzen strategisch auf heimische Services. Aber ich bin jemand, der weniger auf der Entweder-oder-Seite unterwegs ist, sondern mehr auf der Sowohl-als-auch-Seite.

Die Souveränitätsfrage erstreckt sich auch auf die wichtigste Entwicklung unserer Zeit: Künstliche Intelligenz. Brauchen wir ein eigenes europäisches Foundation-Modell?

Absolut. Und nicht nur eins. Wir brauchen Sprachmodelle mit der Leistungsfähigkeit, die wir heute im Markt sehen. Und wir brauchen Weltmodelle. Meine Sorge ist, dass diese Modelle so schnell so stark werden – auch durch agentische Fähigkeiten, die sich rekursiv selbst verbessern –, dass es immer schwieriger wird, aufzuholen. Aber es gibt auch andere Wege: Open-Weight-Modelle als Basis, Energieeffizienz als Innovationsfeld. Der Drops ist noch nicht gelutscht. Sollte es kommerzielle Initiativen oder Unternehmen geben, die in diesem Bereich souveräne Modelle bauen wollen, dann würden wir als Staat das, was wir unterstützen können, sicherlich mehr als prüfen.

Behindern wir aber solche Entwicklungen nicht mit dem AI Act eher noch? Das Gesetz reguliert einen Markt, der noch gar nicht richtig existiert, haben Sie selbst kürzlich kritisiert.

Ich möchte nicht missverstanden werden – ich bin kein naiver Techno-Optimist. Ich sehe die Risiken, auch was die Arbeitswelt angeht. Aber das Schlimmste aller Alternativen ist, nicht aktiv teilzunehmen. Dann geht das Wachstum woanders hin, das wir dringend brauchen, um einen möglichen Umbau unserer Wirtschaft finanzieren zu können. Beim KI-Omnibus-Verfahren in der EU haben wir in der aktuellen Ratsabstimmung bewusst mit Nein gestimmt, weil wir in der Entwicklungsphase Freiraum geben müssen. Wenn wir etwas launchen, muss es auf Herz und Nieren geprüft und sicher sein. Aber Innovationsfreiheit in der Entstehung – das ist essenziell.

Was heißt das konkret?

Beispiel KI: Wir dürfen nicht verkennen, dass KI heute nicht mehr ein Forschungsthema im universitären Sinne ist. Das Paper, das eine wesentliche Rolle bei den KI-Entwicklungen der vergangenen Jahre gespielt hat, ist 2017 von Google veröffentlicht worden. Die Frage, die wir stellen müssen, ist weniger, was der Staat macht, sondern: Wo sind die großen Unternehmen? Wo kommt die investive Kraft des privaten Kapitals her? Das kann der Staat so nicht leisten.

Auch bei ihrem kürzlich vorgestellten Strategiepapier soll ja privates Kapital fließen, um Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 zu verdoppeln, KI-Kapazitäten zu vervierfachen. Was können Sie als Staat tun?

Bei bestimmten Dingen – einer Gigafactory etwa – können wir als Staat als Ankerkunde mit Abnahmegarantien helfen. Aber der Hauptteil muss aus der Privatwirtschaft kommen. Seit der Ankündigung des Vorhabens haben wir über ein dutzend Briefe bekommen von Unternehmen, die Rechenzentren bauen wollen. Selbst wenn nur 30 Prozent davon real werden, kann es gelingen.

Sie sind auch Politiker. Wenn ich zehn Wähler frage, was ihnen wichtiger ist – Migration, Pflege, Kita oder Rechenzentren und KI –, wo landen Ihre Themen?

Ich teile Ihren Befund. Aber ich bin nicht frustriert, und ich hoffe, ich bin auch nicht naiv. Wir müssen sicherlich besser darin werden, die technologischen Themen greifbarer zu machen. Wir sind in einer Situation, in der viele Menschen Angst haben – um ihre Zukunft, ihren Job, ihre Ausbildung. Seit Corona werden sie immer mehr mit negativen Nachrichten bespielt. Das macht etwas mit der Psyche. Ich nehme diese Angst sehr ernst. Mit erhobenem Zeigefinger zu erklären, warum KI wunderbar ist, funktioniert jedenfalls nicht.

Sondern, wie geht es besser?

Es müsste an mehreren Stellen mehr Unterstützung für nachhaltige Themen geben, die länger brauchen, bis sie wirken. Wenn Sie etwas nicht sehen und nicht schmecken können, dann glaubt Ihnen am Anfang kein Mensch. Erst wenn Sie es machen. Das Problem ist, dass Politik grundsätzlich sehr stark im Hier und Jetzt arbeitet, aber nicht im Übermorgen. Generationenübergreifende Themen wie Digitalisierung oder der Umbau unserer Sozialsysteme werden deshalb gern verschoben.

Sie kommen ja aus der freien Wirtschaft in den Politikbetrieb: Verstehen sie sich sich als klassischen Politiker?

Ein Politiker steht im Dienst der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes und arbeitet daran, ihr Leben zu verbessern. Das ist mein Job, darauf habe ich einen Eid geschworen. Aber ich bin kein klassischer Berufspolitiker. Ich hoffe, ich kann mir diese andere Sichtweise, die ich in die Politik einbringe, bewahren.

Das Gespräch führten Luca Caracciolo und Marcel Romahn.

Es ist am 01.04.2026 erschienen.

Hier geht's zum Original-Artikel: t3n.de

Cookies